Definition Drucken E-Mail

 Zu den Begriffen "Sorben" und "Wenden"

AUTOR Werner Meschkank, 10/2001

 

Die Frage zu den Bezeichnungen "Sorben" und "Wenden" gehört zu den gegenwärtig am häufigsten gestellten, wenn es um das kleine slawische Volk in der Lausitz geht. Dabei gibt es in der Niederlausitz eine aus Befindlichkeiten der Bevölkerung entstandene Meinung: In der Niederlausitz seien es Wenden und in der Oberlausitz Sorben. Diese Auffassung ist aber ohne Zweifel falsch.
Auch in der Oberlausitz war noch bis kurz nach dem 2. Weltkrieg der Wendenbegriff vorherrschend. Doch setzte sich in der DDR die Bezeichnung "Sorben" im offiziellen Sprachgebrauch durch, da man von der als deutsche Fremdbezeichnung aufgefassten Form "Wende", die zudem jahrhundertelang pejorativ und diskriminierend verwendet wurde, abkommen wollte. In der Niederlausitz wurde jedoch der auf der latinisierten Form der Eigenbezeichnung basierende Name "Sorbe" von sehr vielen Angehörigen des wendischen Volkes nicht angenommen, sondern als fremd angesehen und mit z.T. großer Abneigung betrachtet. Auf diese Befindlichkeit wird erst seit etwa Mitte der 80er Jahre zunehmend Rücksicht genommen, was sich im offiziellen Sprachgebrauch in Bezeichnungen wie "Wendisches Viertel", "Wendisches Haus", "Wendisches Museum", "Wendische Gottesdienste" u.ä. zeigte.
Anders in der Zeit der NS-Diktatur, wo neben Verboten der sorbischen/wendischen Sprache, Vereine, Zeitungen und Gottesdienste behördlicherseits sogar angeordnet wurde, dass "aus staatspolitischen Gründen dringend erwünscht ist", dass die Wörter "Wende", "wendisch", "wendisches Volkstum" etc. zu verschwinden hätten. Man habe nicht mehr vom "wendischen Bauern" zu sprechen, sondern vom "Spreewaldbauern" und von der "Spreewaldtracht" .

Die Abneigung gegen den Sorbenbegriff bei Teilen der christlichen Werten verbundenen sorbischen/wendischen Bevölkerung der Niederlausitz mag auch z.T. daherrühren, dass dieser scheinbar aus der Oberlausitz oktroyiert und von der SED-Ideologie begleitet wurde. Widersprüchlichkeit und Unwissenheit war auch in der Nachkriegsordnung unübersehbar, wie u. a. vom deutschen Historiker Klaus J. Schiller ("Die Sorben in der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung. 1945-1949") festgestellt wurde. "Sorbe" als die auf der historischen Eigenbezeichnung basierende Namensform wäre nun also die korrektere, zumal sich - sowohl in der Niederlausitz und auch in der Oberlausitz - ein Angehöriger dieses Volkes in seiner slawischen Sprache als "Serb" bezeichnet (Plural obersorbisch "Serbja" bzw. niedersorbisch "Serby"). Die Begriffe "Wende" und "wendisch" hingegen existieren im Sorbischen so nicht und können auch nur mit "Serb" bzw. "ser(b)ski" übersetzt werden. Dies überdies auch nur dann, wenn es sich tatsächlich um Sorben und nicht u.U. um Obodriten oder Lutizen handelt, also um Angehörige der nördlich der sorbischen Stämmen siedelnde großen Slawenverbände (Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordbrandenburg), die von den Deutschen ebenfalls als "Wenden" bezeichnet wurden, aber seit Jahrhunderten assimiliert sind.
Geht man in der Geschichte noch weiter zurück, wurden auch alle anderen slawischen Stämme und Völker als Wenden bezeichnet. Diese Namensgebung taucht in Berichten römischer und griechischer Autoren bereits im 1.-2. Jahrhundert u.Z. auf. Strittig ist indes, ob es sich tatsächlich um einen nachgewiesenen Fremdbegriff handelt, der von den Slawen übernommen bzw. auf sie übertragen wurde. Mehrheitlich wird dies zwar so gesehen. Doch es gibt eine jüngere, z.Zt. noch heftig kritisierte Auffassung, die auch vom Autoren diese Beitrages vertreten wird, dass die in zahlreichen Schreibweisen auftretenden Bezeichnungen - Wenden, Winden, Vendek, Veneti, Winedi, Vinidi, Venti, Wenedi, Wandali, Enetoi, Uenetai, Anten, Anti u.a.m. - plausibel aus dem Slawischen herzuleiten sind. Nach dieser Erklärung ist "Wende" aus dem Wort "Slawe" entstanden und bezeichnet von Anfang an genau diese Herkunft bzw. Zugehörigkeit eines so bezeichneten Menschen. D.h. abgeleitet von "slowo" (Wort) als der die (slawische) Sprache verstehende im Gegensatz zur slawischen Bezeichnung "Nìmc" für einen Deutschen (von "nìmy" = "stumm", ursprünglich "stottern"), der sich nicht in dieser Sprache verständigen konnte. Mit der Akzeptanz dieser Erklärung wären u.U. schon beim griechischen Historiker Herodot (5. Jh. v.u.Z.), bei Plinius d.Ä. (um 77 n. Chr.) und bei Ptolemäus (gest. 178 n. Chr.) slawische Begriffe rekonstruierbar, verständlich und für Mittel- und Südeuropa und z.T. noch darüber hinaus nachweisbar, was die Auffassung vom Zuzug der Slawen aus osteuropäischen Gebieten erst nach dem 6. Jahrhundert in Folge der Völkerwanderung relativieren würde.
Auch die Bezeichnung "Serb" (je nach Dialekt auch "Surb", "Srb", "Sarb" bzw. "Sorbe" als latinisierte Form) ist sehr alt. Sie könnte schon in der slawischen Urheimat existiert haben, wurde aber bisher so nicht nachgewiesen. Die älteste bekannte urkundliche Erwähnung finden wir in den Berichten des fränkischen Chronisten Fredegar, welcher zum Jahre 631 einen im Saale-Mulde-Gebiet lebenden slawischen Stammesverband der "Surbi" nennt, der sich dem Reich des Slawenfürsten Samo angeschlossen hatte. Dass sie auch auf die Slawen in der Lausitz, d.h. die Nachkommen der Lusizer und Milzener, zutraf, bestätigte u.a. der um 1635 in Lieberose geborene Theologe und Historiker Georg Krüger in seiner 1675 erschienenen Abhandlung "De Serbis, Venedorum natione, vulgo dictis ´Die Wenden´" (Über die Sorben, ein slawisches Volk, im Volksmund genannt 'Die Wenden'). Vermutlich existieren noch sehr viel ältere Belege, die aber ähnlich dem Wendenbegriff eine Veränderung erfuhren. Selbst die ursprüngliche Bedeutung des Stammesnamens "Sorbe" ist noch umstritten. Es kann sich um eine Bezeichnung handeln, die ein gewisses verwandtschaftliches Verhältnis bzw. eine gemeinsame Herkunft angibt. Der Autor des Beitrages vermutet indes einen Zusammenhang der ethnischen Bezeichnung mit der vorchristlichen Religion.
Nachdem sich andere wendische (slawische) Völker zu großen Nationen entwickelten und sich deren Volksbezeichnungen durchgesetzt hatten, verblieb im deutschen Sprachgebrauch der Wendenname für die in deutschen Landen lebenden autochtonen Slawen, d.h. Obodriten, Lutizen und Sorben, ungeachtet ihrer Eigenbezeichnung.
Als die meisten slawischen Stämme Deutschlands germanisiert bzw. assimiliert worden waren, verblieb der Begriff "Wende" als Bezeichnung für die Lausitzer Sorben, d.h. für die Nachkommen der Lusizer in der Niederlausitz und der Milzener in der Oberlausitz, aber auch für die Reste der slawischen Urbevölkerung im Pommerschen (Slowinzen, Kaschuben). Da die anderen Stämme auf dem Gebiet der BRD - von einzelnen "Bekennern" abgesehen - nicht mehr existieren, können beide Begriffe heute synonym verwendet werden. Zu beobachten ist, dass die Bezeichnung "Sorbe" uneingeschränkt in der Oberlausitz gebraucht wird, die Bezeichnung "Wende" aber, bei relativ starker Ablehnung des Sorbennamens, von Teilen der Volksangehörigen in der Niederlausitz bevorzugt wird. Das Pejorative scheint dabei in den zurückliegenden Jahrzehnten weitgehend verschwunden zu sein.
Aktualisiert ( Freitag, 18. Juni 2010 um 07:46 )