WENDISCHES MUSEUM
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Zum überlieferten Kulturgut der Obodriten gehört das vom evangelischen Pfarrer Christian Hennig von Jessen (1649 – 1719) verfasste Buch „Vocabularium Venedicum”, das er 1711 beendete, und das darin aufgezeichnete Vogelhochzeitslied „Katü mês Ninak bayt?”.
Es ist das einzige in drawehnopolabischer Sprache aus dem Hannoverschen Wendland erhalten gebliebene Lied. Hennig notierte, es sei „Ein Lied, welches die Wenden singen, wenn sie in Gesellschaft bisweilen lustig sind”.
„Wer soll die Braut sein?” wird in der ersten Strophe feierlich gefragt. Beim Absingen des siebten Verses trommelten die Bauern mit Gläsern und Fäusten den Takt auf den Tischen mit. Es war ein stimmungsvolles, lustiges Lied, dessen Melodie nach Aussage des sorbischen Musikhistorikers Dr. Jan Raupp (1928 – 2007) einer der überkommenen Melodien des lutizischen Minnesängers Wizlav III. von Rügen (1265 – 1325) ähnele. Bedeutende Köpfe wie J. G. Herder (1744 – 1803), F. L. Čelakovski (1799 – 1852), J. W. Goethe (1749 – 1832), Ludvík Kuba (1863 – 1956), Ernst Mucke (1854 – 1932) kannten und verwendeten es für ihre Arbeiten. Bis in unsere Zeit beschäftigen sich Menschen mit Melodie und Text. Es existiert auch eine ober- und eine niedersorbische Textübersetzung aus jüngerer Zeit.
Leider wurde nur dieses eine Lied aufgezeichnet. 1672 bezeugte der Obersuperintendent von Celle, dass die Wendländer noch „viel wendische Lieder” sängen. Die sind unwiederbringlich verloren. Selbst Pfarrer Hennig, welcher das Wort „Wendland” für die Region prägte, erkannte den Wert der kleinen Sprache nicht und meinte in seinen Aufzeichnungen: „Wozu noch dieses Kam, daß ich nicht absehen könte, was für Nuz damit könte gestifftet werden, da weder die Kirche Gottes, noch das gemeine Wesen diese Sprache benöthiget; derowegen ohne beyderseits Schaden wol untergehen könte.”
Erst zum Ende der Existenz des Drawehnischen erschien ein Funke neuen Denkens: Der Lehrer, Archäologe, Reiseschriftsteller und Mitglied der Royal Society, Johann Georg Keyßler (1693 – 1743), hielt 1741 fest, man sei in Hannover „auf die Gedanken gerathen, es gereiche zu der Ehre eines Landesherrn, wenn vielerley an Sitten und Sprachen unterschiedene Völker seine Oberherrschaft erkenneten [...] daher [sei] diesen Wenden befohlen worden, ihrer ehemaligen Muttersprache sich wieder zu gebrauchen.” Aber der humanistische Gedanke kam zu spät. Das Drawehnische besaß bereits ein zu geringes Prestige. Pfarrer Hennig schrieb: „... wenn die Teütsche einen hören Wendisch sprechen, haben sie mit Fingern auf Ihn gewiesen und ihren Spott mit ihm getrieben: Weßwegen ein steter Haß unter ihnen entsprungen [...]”
 
Das Lied
„Wer soll die Braut sein?”
in drawehnisch-wendischer
Sprache, die im 13. Jh. ausstarb